Juliettes LiteraturWeb
B r a S c h   L e s e F u g e

40 Jahre Club Voltaire, Tübingen • 20 Jahre Juliettes Literatursalon Tübingen/Berlin

Dasniya Sommer und Hartmut Fischer

Die Liebe und ihr Gegenteil
oder
Mädchenmörder Brunke

Eine choreografische LeseVerbindung
aus dem unveröffentlichten Nachlass und der Zusammenarbeit mit Thomas Brasch
im Club Voltaire, Tübingen, den 16. November 2012

Im Mai diesen Jahres erschien in der Zeitschrift für Literatur „Text+Kritik“ der von Insa Wilke und Thomas Wild herrausgegebene Band zu dem Schriftsteller, Filmemacher, Theaterautor und Übersetzer Thomas Brasch, Thomas-Brasch-Band, „Text+Kritik“.
Tübingen war für Thomas Brasch die erste Anlaufstelle nach seiner „einmaligen Ausreise“ aus der DDR im Dezember 1976. Sein sprichwörtlich gewordener Prosaband „Vor den Vätern sterben die Söhne“ war die literarische Sensation 1977. Im gleichen Jahr wurden erste Theaterstücke von ihm am Tübinger Zimmertheater und am Staatstheater Stuttgart euphorisch aufgenommen. Spätestens mit seiner, damals noch live im Ersten Deutschen Fernsehen ausgetragenen Stellungnahme zur von Franz Josef Strauß vorgenommenen Verleihung des Bayrischen Filmpreises 1982, für seinen auch nach Cannes eingeladenem Film „Engel aus Eisen“, erlangte er Kultstatus. Exemplarisch sei hier ein Ausschnitt zitiert: „Er ist der Widerspruch der Künstler im Zeitalter des Geldes schlechthin, und er ist nur scheinbar zu lösen: mit dem Rückzug in eine privatisierende Kunstproduktion oder mit der Übernahme der Ideologie der Macht. Beides sind keine wirklichen Lösungen, denn sie gehen dem Widerspruch aus dem Weg und die Widersprüche sind die Hoffnungen. Erst sie ermöglichen den Bruch, der durch die Gesellschaft der Leistungen und der staatlichen Macht geht und durch jedes einzelne ihrer Glieder, in seiner ganzen Größe zu erkennen. Diese Gesellschaft hat sie geschaffen, hat die Künste in die Zerreißprobe zwischen Korruption und Talent geschleift, und nicht die Künste werden diesen Widerspruch abschaffen, sie können sich ihm nur aussetzen, um ihn besser zu beschreiben, sondern alle Kräfte, die zur Abschaffung der gegenwärtigen Zustände beitragen, die keine menschenwürdigen sind.“

Weitere Filme und Theaterstücke, sowie der Gedichtband „Der schöne 27.September“ folgten. Nach zahlreichen Shakespeare-Übertragungen begann er, sich der Epochenwende von 1989 ebenso radikal zu stellen und zu verweigern, als sich auch als Autor, gerade mit seinem biographischen Hintergrund, den Erwartungen radikal zu entziehen und eine Methode des Schreibens und zugleich des Unterlaufens des ökonomischen Produzierens von Kunst und Literatur, zu dem ein Autor verdammt ist, eine unmögliche Position sich herzustellen. Entstanden ist so ein vielschichtiges Text-Geflecht, wie eine Moebiusschleife, bei der der Autor seiner vermeintlichen Hauptfigur „Brunke“ folgen möchte, sich aber auch in der völlig unbedeutenden Nebenfigur „Brunke“ verlierend, dem Autor Brasch, Spielfigur werden lässt. Die „Wunde“ Berlin wird ebenso ein Tableau, wie der zufällig entdeckte Zeitungsschnipsel über den verhinderten Theaterschriftsteller und Banklehrling Karl Brunke, der durch den gescheiterten gemeinsamen Selbstmordversuch, zum Doppelmörder an Alma und Martha Haas wurde; ein „Fall“, aus dem Jahre 1905, der historisch verbürgt ist und der zur ideé fix und damit sich zu einer einzigartigen literarischen Reflexionsmaschinerie des Thomas Brasch auswuchs.

Ebenfalls in diesem Frühjahr erschien der Roman „Ab jetzt ist Ruhe“ von Marion Brasch, der jüngeren Schwester, in dem die komplexe Familiengeschichte der Braschs und somit eine Geschichte der politischen Umbrüche Deutschlands und der Welt im 20. Jahrhundert erzählt wird.

Thomas Brasch und Hartmut Fischer waren von 1998 bis zu Braschs Tod 2001 nicht nur freundschaftlich bekannt, sie planten auch eine Veröffentlichung aus Braschs mehrere tausend Seiten umfassenden Manuskript. Hierzu gibt Fischer ausführlich Einblick in dem mit ihm geführten Interview im oben erwähnten Thomas-Brasch-Band in „Text+Kritik“, der hier als Prolog vorgestellt werden soll, zu der anschliessenden 49 Minütigen choreografischen LiteraturPerformance.

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Nach Braschs Tod und der somit nicht zustandegekommenen Veröffentlichung, inszenierte Hartmut Fischer im Jahr 2005 im Jüdischen Museum Berlin mit 7 LeseMaschinen (Blixa Bargeld, Marion Brasch, Herbert Fritsch, Lars Rudolph, Otto Sander, Anna Thalbach und Angela Winkler) eine dramatische Video-Installation und LeseFuge im Rahmen der Langen Nacht der Museen zu Berlin.

Für diesen Jubiläumsabend im Club Voltaire lädt er die Tänzerin, Choreografin und Shibari-Künstlerin Dasniya Sommer zu einer gemeinsamen Erkundung durch dieses schier unübersichtliche, ausufernde Textgeflecht von „Die Liebe und ihr Gegenteil oder Mädchenmörder Brunke“ des Thomas Brasch ein.

Grundlage bilden 2499 paginierte Manuskriptseiten, die möglicherweise eine Fax-Version für den damaligen Suhrkamp-Lektor Peter Weiss darstellt. Das Brunke-Konvolut umfasst an die 20.000 Seiten, die im Archiv der Akademie der Künste zu Berlin aufbewahrt und auf ihre Entdeckung warten.

In experimentellen Studien erforscht Dasniya Sommer insbesondere Themenkomplexe zu Ethik, Gender, Gesellschafts-/Sprachkritik. Dies bildet neben ihrer klassischen Tanzausbildung, eine der wesentlichen Grundlagen für ihre Arbeit als Darstellende Künstlerin. Einem größeren Publikum wurde sie durch ihre Soloarbeit „MAv 15 { idiosyncrasy } || sin x = ly – fx²¯ „ bekannt. Mit dieser reussierte sie bei den TanzTagen Berlin 2009 und wurde daraufhin bei ARTE TV porträtiert. 2011 erfolgte eine Wiederaufnahme für das Festival „City of Women“ in Lublijana. Das Stück hinterfragt festgeschriebene Ausdrucksformen der „Balletttänzerin“ und unterzieht die Figur einer performativen Dekonstruktion. Mittels der japanischen Fesselungstechnik Shibari wird dieser kritische Ansatz wortwörtlich mit meditativen Elementen des Yoga verflochten. 2011 choreographierte und performte sie diese Technik für die Parsifal-Inszenierung von Romeo Castellucci mit SängerInnen und TänzerInnen an der Brüsseler Oper DeMunt LaMonnaie.
Als Tänzerin und Shibari-Coach tourte sie 2011 mit Helena Waldmanns Tanztheaterstück „BurkaBondage“ auf Einladung des Goethe –Instituts durch Indien.
Sie unterrichtet in Berlin, Brüssel, Paris, Madrid und war dieses Jahr zum ImpulsTanz-Festival Wien mit ihrer wegweisenden Forschungsarbeit eingeladen. Für das Theater Bregenz inszenierte und spielte sie in Igor Strawinsky's „Geschichte vom Soldaten“ gemeinsam mit dem früheren Kresnik- Tänzer Jo Siska.

club voltaire 2012
Veranstaltung im Club Voltaire, Tübingen, Nov. 2012
Foto: unbekannt; © Hartmut Fischer

Hartmut Fischer initiierte Juliettes Literaturcafé im Club Voltaire 1992: (Die Namensgebung ist der Troika, bestehend aus der Romanfigur Juliette des Marquis de Sade und der aufklärerischen Gedanken Voltaires, sowie der gelebten Toleranz der Berliner Salonnieren Rahel Varnhagen, Henriette Herz und ihrer geistigen Schwestern, geschuldet). Gäste waren u.a. Claudia Gehrke, Yoko Tawada, Charlotte von Mahlsdorf, Peter Wawerzinek u.v.a. und im Rahmen einer großen Hubert-Fichte-Hommage: Leonore Mau, Hans Mayer, Tahar Ben Jelloun.
Mit Eckehart Opitz konzipierte er seit 1987 massgeblich das Literaturcafé im Club Voltaire, mit dem er zahlreiche LiteraturPerformances, Lesungen und mit ihrer Theaterperformance KettenSeele auf internationalen Theaterfestivals, wie dem Fringe-Festival-Edinburgh oder dem „audio-art-Festival Krakow, von 1992 bis 2000 tourte. Zusammen veröffentlichten sie 1992 „Das Buch Diletata“, das überwiegend in den inspirierenden Räumlichkeiten des damaligen Club Voltaire entstanden ist. Es kann als Hommage sowohl an den Tübinger Club, mehr jedoch an die Geburtsstätte des DADA, dem Zürcher „Cabaret Voltaire“ gesehen werden. Zum 300. Geburtstag Voltaires wurde Fischer eingeladen, eine von ihm aus Briefen Voltaires zusammengestellte Textcollage bei der vom Club mitveranstalteten „Tübinger Matinee“ vorzutragen.

1997 gründete Fischer dann Juliettes Literatursalon (Buchhandlung, Verlag, Galerie) in Berlin. Spektakulär war eine über 4 Jahre dauernde LeseTextMaschine zu Marquis de Sades Justine und Juliette, bei der u.a. Blixa Bargeld, Katharina und Anna Thalbach, Martin Wuttke, Angela Winkler und Thomas Brasch, Herbert Fritsch, uva. Mitwirkende waren.
Im Verlag Juliettes erschien 1997 „Blixa Bargeld-serialbathroomdummyrun“, 2000 „Ivan Stanev-Postskriptum“. 2001 veröffentlichte er als Herausgeber und Autor im Konkurbuch Verlag Claudia Gehrke den 35. Band: TheaterPeripherien. Mit seinen literarischen Grotesken war und ist er langjähriger Gast im Club der Polnischen Versager.
Seit 2011 wird er als Rezitator vom Koreanischen Kulturinstitut für dessen AutorInnenlesungen geschätzt. Als „literary advicer“ und Betreuer des künstlerischen Archives, ist er für Blixa Bargeld und Einstürzende Neubauten seit 2006 tätig. Im Moment ist er zudem als literarisch-künstlerischer Berater für ein Sommermärchentheater engagiert, das ab 2013 auf der Rugard-Freilichtbühne Bergen auf Insel Rügen Premiere haben wird.
2012 wurde seine Prosaskizze „Lob des Diffusen“ im 50. Konkursbuch von Claudia Gehrke, sowie das mit ihm geführte Interview „Schöne Geister“ im Thomas-Brasch-Band in „Text+Kritik“ publiziert. [mehr auf Facebook]

Die Liebe und ihr Gegenteil. Eine Revue für Thomas Brasch

Am 4. Januar 2013 eröffnet der „Club der polnischen Versager“ die Literatursaison in Berlin um 20 Uhr zu Ehren des Dichters, Filmemachers und Theaterautors Thomas Brasch mit einer Revue unter dem Motto „Die Liebe und ihr Gegenteil“.

club voltaire 2012
Foto und © Manfred Ortmann

Mit Lesungen, Film- und Musikcollagen, Gesprächen und Lese-Performances treten die Autorinnen und Autoren des neuen Text+Kritik-Bandes über Thomas Brasch [→] auf: Esther Dischereit, Hartmut Fischer, Uwe Kolbe, Jens Ponath, Christoph Rüter, Michael Wildenhain und Thomas Wild. Moderation: Insa Wilke.

Club der polnischen Versager
Ackerstraße 168
10115 Berlin



Unterstützt von der Tucholsky Buchhandlung, Berlin, dem Verlag Text+Kritik und dem Suhrkamp Verlag.

Lesung im LCB, am 20. März 2013

Ein Abend im Andenken an Thomas Brasch

Lesung und Gespräch: Esther Dischereit, Uwe Kolbe und Hartmut Fischer

Hartmut Fischers Beitrag besteht aus weiteren Perlen aus dem unveröffentlichten Nachlass

Moderation: Insa Wilke

Es gibt Buchtitel, die so schlagend sind, dass sie bekannter werden als ihre Autoren, andererseits sind es diese Titel, die immer wieder auf ihren Autor zurückweisen. „Vor den Vätern sterben die Söhne“ ist so einer. Der Autor Thomas Brasch (1945 – 2001), über den ein Zeitgenosse gesagt hat, er habe mehr Talent im kleinen Finger als Dutzende Autoren in der ganzen Hand, war ein Kultautor seiner Generation. Heute ist er nicht ganz vergessen, aber man wünschte sich mehr Autoren, die mit dieser radikalen Unbedingtheit dichten, schreiben, Filme oder Theater machen. Im letzten Jahr erschien ein von Insa Wilke und Thomas Wild zusammengestelltes „Text und Kritik“-Heft über Thomas Brasch, in diesem Frühjahr folgen unter dem Titel „Die nennen das Schrei“ seine Gesammelten Gedichte im Suhrkamp Verlag. Wir nehmen die beiden Publikationen zum Anlass, an Thomas Brasch zu erinnern.
Esther Dischereit